Mario Pinkowski

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Mitteldeutsche Zeitung vom 30.07.2010

SOMMERTHEATER "Fast Faust" bietet einen Klassiker im Hosentaschenformat - und beste Unterhaltung.

Köstliche Kampfansage an Goethe

VON KATJA MÜLLER

HALLE/MZ - Die Szene in der Walpurgisnacht wird wegrationalisiert. Ebenso die Gretchenfrage, denn eine seriöse Auseinandersetzung ist aufgrund der Personallage nicht möglich, meinen Mario Pinkowski und Klaus-Dieter Bange. Beschwerden sind zwecklos, denn was das hallesche Schauspieler-Duo derzeit als Sommertheater in der Spielstätte der Kiebitzensteiner präsentieren, heißt schließlich auch nur "Fast Faust".

"Hin zum phantasievollen Zuschauer!"  Vermeintliche Maxime des Stücks

Mit der Inszenierung gelingt Bange und Pinkowski ein Lustspiel, das diesen Titel zu Recht trägt. "Fast Faust" ist irgendwie auf alles zu beziehen - sowohl was Handlung und Darsteller als auch was Kostüme und Kulissen betrifft. Und es ist ein Stück im Stück. Denn angeblich agiert hier ein "Dramenterzett" -ein Projekt, das große Stücke für kleine Häuser groß besetzen will. Nur fehlt dummerweise gerade die Dritte im Bunde. Und so lautet die der nackten Not geschuldete Maxime nun: "Hin zum Dichter! Hin zur Schauspielkunst! Hin zum phantasievollen Zuschauer!"

Goethes Faust wird somit zum Kraftakt, den Bange nicht nur als Regisseur, Produzent und Intendant besagten Dramenterzetts bewältigen muss. Er ist auch Gott, Faust und der von Gretchen zutiefst enttäuschte Bruder Valentin. Mario Pinkowski verkörpert den Schauspieler Heiner, der in der Rolle des Mephisto glänzen soll. Dass er letztlich auch noch das Gretchen spielen muss, hat er sich selbst zuzuschreiben. Denn wer seiner Kollegin eine "mikroskopisch kleine, primitive Zellanordnung" verpasst, muss in Kauf nehmen, dass aus einem Terzett mal ganz schnell ein Duo wird. Los geht´s also - und was folgt ist ein gut zweistündiges köstliches Lustspiel. Dabei verschmilzt die Handlung des Faust mit einem immer währenden Disput zwischen dem Intendanten und seinem Akteur.

Ein bisschen wirken Bange und Pinkowski dabei wie Herricht und Preil. Schauspieler Heiner stellt sich halt immer ein wenig tätschig an, während der Intendant mit rechthaberischem Perfektionismus zur Sache geht. Zwischendurch wird Faust auch mal ad acta gelegt, denn Heiner hat vergessen, seinen Herd auszumachen. Wieder drin im Stück, nehmen die Protagonisten nicht alles so genau: Das Goethe Angst vor großen Hunden hatte, und Mephisto in die Gestalt eines Pudels zwängte, sei schließlich nicht ihr Problem. Bei "Fast Faust" schlummert der Teufel in einer deutschen Dogge. Sein Publikum überzeugt das Duo darüber hinaus mit beeindruckenden Effekten. "Achten sie auf die Verbindung zwischen ´dramatischer Tarnkappe´ und ´fokussierter Zeitlupe´", sagt der Intendant. "Umbau auf Osterspaziergang", ruft er im nächsten Moment. Und prompt wird eine Zeichnung mit einem Hasen neben einem Ei an die Bühnenwand gepinnt.

Bange und Pinkowski liefern mimische und gestische Höchstleistungen - ergänzt durch die Komik fliegender Kostümwechsel. Ihr Gretchen mit Lockenperücke sieht Comedy-Star Atze Schröder zum Verwechseln ähnlich. In das Stück, das auf Goethe fußend der Feder von Albert Frank entspringt, wird das Publikum schließlich mit eingebunden. Zumindest streckenweise, wenn es die Rolle des jubelnden Volkes übernehmen soll. Zu sehr will man die Zuschauer aber auch nicht belasten. Die haben schließlich Eintritt bezahlt und könnten sich über ihre eigene Unfähigkeit auch zu Hause und umsonst amüsieren, ist sich das Dramen-Duo einig. Was Bange und Pinkowski letztlich als "theatralische Kampfansage" bezeichnen, ist ein erfrischendes Stück - nicht nur für Faust-Kenner.